Wennfeld Kapelle

 

Der Blaue Lein wächst. Die Nachbarin freut sich. Ich treffe sie zufällig, wie immer, sie dreht jeden Tag ihre Runden. Bevor und seitdem ihr Mann gestorben ist. Kurz nachdem sie in die neue, die neu gebaute Wohnung gezogen waren. Er war gestürzt, auf dem Weg zum Bäcker. Hatte auch nach wochenlangem Kampf das Bewusststein nicht wiedererlangt. Sie macht sich Vorwürfe. Sie hatte ihn zum Bäcker geschickt.

Aus einem gemeinsamen Kaffeetrinken ist bisher nichts geworden. „Sie müssen mich besuchen.“ „Ich muss kommen.“

„Schauen Sie, wie schön.“ „Was?“ „Hier stand mein Haus. Gucken Sie, es wächst.“ (Ich freue mich über ihre Freude.)

„Ich dachte, das war eine Maus.“ Ruft der Nachbar über’n Zaun. „Das kann kein Mensch gewesen sein, so eine krumme Linie. Jetzt weiß ich es besser.“

Da wo der Keller war von diesem unseren Haus wächst nur der Lein. In allen anderen Löchern und drumherum wächst Allesmögliche: Mohn, Disteln, Nachtkerzen, Wicken, Wegwarte, Senf, Nattern, Tomaten, … eine Sonnenblume. Dort wo sie schon stand im letzten Jahr.

Die Kapelle haben wir nicht gefunden, sagen die Archäolog*innen. Die haben sie wohl gut aufgeräumt. Das tut mir leid, sagt der Nachbar. Vielleicht war sie aus schlechtem Material. Es wäre doch schön, sagt er, sie würden einen Bischof finden. Dann würde die Kirche sagen, halthalt, ihr könnt nicht bauen.

Keramikscheiben aus dem 10. Jahrhundert. Das Mittelalter wird noch nicht lang erforscht. Das hat nicht interessiert. Es mussten schon die Römer sein. Jetzt ist es Gesetz. Einer vom Landratsamt stand neben dem Bagger beim Abriss. Der hat gesagt, so 50 Stellen gibt es hier. Da müssen sie graben. Stadt und Bauherren haben da keinen Einfluß. An den Erdverfärbungen kann man das erkennen. Manchmal ist es auch nur eine Wurzel. Manchmal Holz. Das kann Alles sein. Ein Stall… Wir graben wahrscheinlich noch ein paar Wochen. Fotografieren dürfen Sie nicht, das gehört dem Land. Nein, die Presse war noch nicht da.

Ich wünsche mir ein Bild, damit ich zurückreisen kann in der Zeit.

 

 

 

 

 

 

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Die Geschichte geht, …

 

Wennfeld_Brachland2018

Wennfeld_Brachland2018

Die Geschichte geht so:

Da war mal ein Mann, der hat gesessen und geweint und geweint. Eine Quelle ist entstanden und ein Brunnen wurde da gebaut. So ist es gewesen. Er hat gefunden, dass der Ort nicht gut war und ist weggegangen nach Mauretanien.

Die Geschichte geht so:

Damals gab es hier die Kaiser. Den Kaiser von Tübingen und den Kaiser von Reutlingen. Das waren kleine Länder (so groß wie zwei Hände). Naja, die haben gekämpft. Da gab es eine große Schlacht. Das war hier. Der Kaiser von Tübingen fällt. Der Kaiser hieß Wen. Wir haben dieses Buch gefunden bei Alex. Da steht alles drin. Deswegen sind wir gestern gesessen und haben diskutiert. Es war Wasser hier, eine Quelle. Dort hinten, wo der Beton ist, bei der Bushaltestelle. Sie haben hier für Wen eine Kapelle gebaut. Das war im 13. Jahrhundert. Das ist lange her. Inzwischen ist die Kapelle kaputt gegangen. Aber: wenn das ein heiliger Ort ist, dürfen sie nicht bauen. Die Kirche kann sagen, sie dürfen nicht bauen! Naja, die Stadt hat Geld. Die bauen auf Allem.

Die Geschichte geht so:

Wie lange kannst du noch bleiben, in deiner Wohnung? Im Wennfeld wird archäologisch gegraben. Ein griechischer Tempel? Cool. Das verzögert doch alles. Das ist gut für dich, oder, dann kannst du noch bleiben. Ich habe einen Onkel in Griechenland, der soll ne alte Vase rüberschicken, die vergraben wir da. Dann bauen sie noch Jahre nicht. So geht das in Griechenland, die ganze Zeit. Da wird ne Straße aufgegraben, die finden eine Scherbe und – bumm – können sie nicht bauen. Sie buddeln nur noch nächste Woche im Wennfeld. Da muss dein Onkel schnell sein. Hast du nichts bei dir zuhause rumstehen? Leider nicht.

Ich brauch den Wohnraum, sagt der Mann von der Stadt.

Sagst du, ich brauch ne Wohnung in Tübingen, sagt dein Gegenüber, haha.

Ich, ich brauche Brachland. Dass mein Blick frei schweifen kann über unbebautes Gelände wie übers Meer. Undurchverplant. Orte im Zwischenzustand. Der Fantasie freien Lauf lassen, zu Träumen, Ideen spinnen, was alles möglich wäre. Möglich ist. Gestaltend im Zusammenleben. Ich brauche Wohnraum. Ich kenn wenigstens fünf weitere, die den auch brauchen.

Und was haben sie jetzt dort gefunden?

 

 

 

 

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Archäologie im Wennfeld

Wennfeld_Archäologie2018

Wennfeld_Archäologie2018

 

Was geht, frage ich – und tatsächlich: im Wennfeld wird archäologisch gebuddelt. Eine Kapelle von vor hunderten Jahren. Bisher gefunden: ein paar Pfosten.

Jetzt ist das Geheimnis gelüftet von den Creatures out of Space. Und auch, warum nicht gebaut wird. Noch immer nicht, nachdem schon zum Jahreswechsel abgerissen wurde, und lange vorher.

Ich denke oft an den alten Nachbarn, Herr K., der mit seiner Frau zurückgegangen ist nach Griechenland, für immer. Wie sie wohl den Umzug überstanden haben? Ob die Tomaten wachsen, dort? Mehr als ein halbes Jahr hätten sie noch in der Nähe der Tochter sein können. Ein halbes Jahr kann lang sein am Lebensende. Es kann darüber bestimmen, in welcher Erde du ruhst. Wer kommt und gemeinsam deinen Tod betrauert.

Ich hoffe, dass sie was finden, die Archäolog*innen. Dass das Gefundene erforscht wird und nicht in den Archiven verstaubt, weil kein Geld da ist.

Warum wurde dort eine Kapelle gebaut? Wer hat sie besucht? Was waren die Sorgen der Menschen? Gab es drumrum Ackerbau, Felder? Wie sah das Leben damals aus? Tübingen?

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Wennfeld goes Museum

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Wennfeld_Regenbogen, Juni 2018

Das Wennfeld wird berühmt. Das Französische Viertel war es schon. Die Wagenburgen auch – irgendwie. Ins Französische Viertel ergießen sich sommers täglich Busladungen Neugierige um weltweit preisgekrönte Stadtentwicklung live lebend zu erkunden und zu bestaunen. Nächste Woche kommt auch der Wennfelder Garten ins Museum – ins Stadtmuseum. Am Freitag, den 22. Juni um 19 Uhr ist die Eröffnung der Ausstellung „Am Rand wird’s intressant – Wohnutopien und -Realitäten im Tübinger Süden“.

Zu sehen oben: das älteste noch stehende Haus des Wennfelder Gartens – die Schäferei der Familie Quint/Andresen. Vor ungefähr 100 Jahren wurde es vom Schäfer gebaut, der nicht mehr umherziehen, sondern seßhaft werden wollte. Seitdem in nächster Nachbarschaft mit Miltär, Obdachlosen, Wagenbewohnenden, Geflüchteten, Migrierten – Menschen eben.

Heute haben sich die (Bau-)Bedingungen geändert. Es sind 100 m Abstand nötig zum Schafstall – weit mehr als annodazumal- , will neu für’s Wohnen gebaut werden. Will, muss, kann? Es brodelt Streit seit einigen Jahren nun.

Wie wollen wir leben?

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Creatures out of space

Nach Abwesenheit zurück gekommen ins Wennfeld scheint im Grün die Blüte schon vorbei. Beim Gießen im Vorgarten bilden sich gelbe Pfützen. Gelber Staub auf Straßen, Autos, Blumen, Fahrradsitzen. Dringt durch Fensterritzen. Bildet Schichten auf Möbeln, Herdplatten, an Fensterscheiben. Jeden Tag aufs Neue. Husten. Regen fehlt.

Ich wandere über’s Brachland, um zu entdecken, was blüht. Hier und da setzt sich eine Pfingstrose durch, deren Wurzeln der Bagger nicht den Garaus machen konnte. Akelei und Tränendes Herz. Reste von Tulpen, Primeln. Zitronenmelisse überall. Bewohnte Wüste.

Nachrichten aus dem Weltall.

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Frühlingsabend

 

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Frühlingsabend

 

 

 

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Ostermontag 2018

 

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SiebenUhrdreißig morgens. Die Kinder über mir sind schon lange wach. Erste Blüten am Schwarzdorn. Auf der Straße kein Mensch. Bodenfrostweiße auf Gras, Autofenstern und Fahrradsattel. Die Luft ist frisch. Weil die Hälfte des roten Hauses (Atelier Nr.2) abgerissen wurde, scheint die Sonne in mein Fenster.

Die albanischen Eltern sind wieder abgereist. Zwei Jahre nach der Ablehnung ihres Aslyantrags waren sie nun zu Besuch. Im Koffer haben sie jetzt: Gutes Deutsch und Hoffnung auf einen Neustart in Deutschland mit festen Arbeitsstellen. Die Ausländerbehörde muss entscheiden, ob sie Arbeit annehmen dürfen – Jobs, die niemand mit deutschen Papieren machen möchte.

Der Frühling ist da.

 

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