Die Sache mit der Bundestagswahl

Wennfeld_Schachteln

Wennfeld_Schachteln

 

Meine Nachbarin wohnt hier schon lange.

Meine Nachbarin ist zur Wahl gegangen. Sie hatte keinen Wahlberechtigungsschein zugeschickt bekommen. Auch keine Einladung zur Briefwahl. Also hat sie sich am Wahlsonntag, 24. September 2017, auf den Weg gemacht zu den Stadtwerken. Da ist ihr Wahllokal – seit Jahren. Meine Nachbarin kann nicht gut laufen. Im vergangenen Jahr hat sie sich so krank gefühlt, dass sie nicht zum Arzt gegangen ist. Aber sie ist wählen gegangen. Wollte sie.

Im Wahllokal haben sie ihre Adresse nicht gefunden. Görlitzer Weg.

„Aber ich wohne dort in diesem Haus“, hat sie gesagt.  „Ich wohne dort die ganze Zeit.“

Die Wahlhelfenden haben in die Listen geguckt. Dann haben sie einen Stadtplan zuhilfe genommen. Wahrscheinlich hat jedes Wahllokal so einen Stadtplan. Damit die Wahlhelfenden den Wahlwilligen sagen können, wo sie hin müssen, falls sie mal im falschen Wahllokal landen.

Die Wahlhelfenden konnten meiner wahlwilligen Nachbarin nicht sagen, wo sie hin muss. Das Haus, in dem sie seit Jahren und immer noch wohnt, gab es auf dem Stadtplan nicht. Auf dem Stadtplan ist es wohl schon abgerissen. Also gibt es auch ihre Adresse nicht – auf keiner der Listen.

„Jetzt weiß ich, warum Angela Merkel so wenige Stimmen hat,“ sagt meine Nachbarin.

Meine Nachbarin konnte am Wahlsonntag nicht wählen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schotter

WennfelderGarten_Straße-2

WennfelderGarten_Straße-2

Vor meinem Fenster wächst ein Rahmen aus gepflanzten Sträuchern, Ahornblättern und rankendem Wildwuchs, der ursprünglich auch nicht geplant war. Mein Blick ist frei auf die Balkone der Nachbarhäuser schräg hinten. Eine hohe Birke ragt über kleiner Wiese neben den Stufen zum nächsten Häuserblock. Ich sehe die Dächer der Autos, Köpfe der Menschen gehen den Weg, auf dem sie parken. Ich höre Schritte, Stimmen und sehe Nichts. Es gibt nur diesen Blätter-Rahmen, alles Andere ist Grün.

Die Nachbarin von nebenan, die ihren Garten mitnahm, wohnt jetzt mit so einem Balkon schräg hinten. Ob ich will oder nicht sehe ich sie mehr als vorher, immer wenn ich aus dem Fenster schaue.

Sie hat Besuch. Ich glaube, sie spielen Karten. Sie sitzen sich gegenüber, hinter den Balkon-Erdbeer-Blumenkästen – von mir aus gesehen. Beide beugen sich abwechselnd leicht vor. Eine gelbe Fliegenklatsche hängt kurz in der Luft.

Nebenan ist niemand mehr. In meinem Haus sind noch zwei Wohnungen belegt. Zwei von fünf. Ich öffne die Haustür und es riecht nach alt und nach leer. Der Geruch kam gleich. Innerhalb einer Woche, nachdem die Nachbarn gegangen sind – für immer zurück. Die Leere scheint aus dem Keller zu kriechen – langsam bis in den 1. Stock. Zu uns, wenn uns sind, die noch bleiben.

Die Bauarbeiter haben die Schotterhaufen der alten Häuser mitgenommen. Jetzt gibt es dort drei Negative von Haus im Brachland. Da riecht es nicht mehr nach alt und leer. Vielleicht ist der Geruch gewandert, von dort zu uns.

Viktor, der Erdbeermann, bringt immer noch Erdbeeren vom Bodensee. Die Felder hier sind längst abgeerntet und geschlossen. Die Zäune weg, die Zeit war kurz. Zu hart war der Frost während der ersten Blüte.

Die Hitze hat nachgelassen. Es weht Dauerwind. Das Grün rauscht nach Meer.

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Wände wie aus Papier

Wennfeld_Fahrrad

Wennfeld_Fahrrad

Die Nachbarin schleppt sich den Berg hoch durch die Hitze mit Rollator. Der Nachbar lädt sein Auto voll mit Sprudelkisten. „Guten Mittag Frau Nachbarin“ „Haben Sie was Größer’s vor?“ „Das hat sich angesammelt, immer hab ich’s aufgeschoben, jetzt muß ich halt.“

Herr B. ist nicht mehr da. Die Blumenkästen an seinem Fenster vertrocknen. Irgendwo auf dem Bürgersteig wächst ein Salatkopf. Früher hat Herr B. Tomaten auf Brachland gesät. Ich höre Motorroller und vermisse ihn.

Die Wände in den alten Häusern sind wie aus Papier. Plötzlich ist es still hier. Kein Telefon läutet, keine Türklingel schellt in der Wohnung nebenan. Die Beiden sind ausgezogen. 85 Jahre alt ist er, 83 Jahre sie. Das Hören brauchte Unterstützung. Zwanzig Jahre haben sie hier gewohnt. Zum Feierabendbier sind sie nach Kusterdingen gefahren, erzählte er. Da gab es eine griechische Kneipe, die war nicht teuer. Ein Bier, haben sie dem Chef gesagt, das kannst du von uns erwarten. Essen müssen wir zuhause. Bevor sie die Wohnung verließen, wollte er mir Vieles schenken. Kannst du es brauchen, wir können es nicht mitnehmen. Wir gehen zurück für immer. Wenn das geht – mit der Gesundheitsversorgung dort. Die Tochter ist hier. Meine Tomaten hat er besorgt beäugt. Haben sie genügend Sonne? Bekommen Sie Vitamine? In Griechenland wachsen die Tomaten soooo groß. Da gibt es genügend Sonne. Bohnen wachsen überall. Eine Zwiebel hat er dazu gepflanzt. Nach drei Wochen war er zufrieden mit den Tomaten.

Er saß immer auf dem Fahrrad und hat es repariert bis zum Schluß.

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Wennfeld Garten

Wennfeld_Garten

Wennfeld_Garten 2017

Sie haben’s schön hier.

Ja. Müss’mer Alles noch umgraben und in den Garten.

Sie wollen das ja nicht hierlassen.

Nein! So viel Geld reingesteckt! … Was haben Sie dort gepflanzt?

Zinien.

Wie blühen die?

Hm … wie Margeriten, nur bunt. Orange, gelb, lila… Hoffen wir mal, dass sie was werden.

Wieso soll’ns nichts werden.

Haben Sie schon eine Wohnung?

Ja, am 15. krieg’mer den Mietvertrag.

Haben Sie lange hier gewohnt?

20 Jahre. Wo alle ausgezogen sind, das war so schlimm. Ganz allein im Haus. Da hab ich mich gefühlt, als hätt’mer mich ausgekleidet, ganz nackertig. So viele Leute haben hier gewohnt. Alle ham’s ein anders Leben gehabt. Die waren alt, die waren jung, die waren Studenten, die haben sich nicht vertragen mit ihren Eltern und mussten allein leben…

Meine Tochter hat unten gewohnt. Wir wollten immer nach Tübingen. Aber erst konnten wir nicht. Da haben sie uns nach Chemnitz gebracht. Kennen sie Chemnitz? Endlich waren wir in Tübingen, wir haben zwei Jahren hier gewohnt und dann war der Mann gestorben. Drei Herzinfarkte und dann hat’s ihn geholt. Ich war ganz alleine, fremdes Land, fremde Gesetze und ich hab geweint zu meinen Kindern. Die drei Mädchen sind jetzt hier, die zwei Söhne sind noch dort. Sie sind Lokomotivfahrer, da haben sie dort gutes Geld. Und die Frauen wollten nicht kommen. Jetzt kommt immer in einem Jahr der eine und im anderen Jahr der andere.

Hier ist viel besser leben als in Kasachstan. Sie haben ja dann den Deutschen erlaubt, nach Deutschland zu kommen. Da waren alle Deutschländer weg aus Kasachstan, da ist’s dort ein bißchen zusammengebrochen. Die Deutschländer hatten so schöne Häuser dort. Später sind wir einmal zurückgekommen. Ich habe gesehen – mein schönes Haus! Es war ganz kaputt! Ich habe geweint wie ein Kind! Wir alle hatten verkauft die schönen Häuser für billiges Geld. Dass es nicht geschenkt ist. Weil wir weg wollten.

Mein Mann wollte immer hierher. Er war krank und hat gekriegt die Medizin von den Deutschländern. Da hat er gesagt, ich gehe nach Deutschland.

Ich habe meinen Mann geliebt. O, so sehr! 59 ist er geworden. Jetzt lebt er zwanzig Jahre nicht mehr und meine Töchter sagen, Mama, du liebst Papa noch immer! Ich liebe ihn noch immer, wenn wir Fotos anschauen….

Wann ziehen Sie um?

Mal sehn. Den Mietvertrag kriege ich am 15. Alle Töchter arbeiten ja, da müssen wir gucken, wie das geht mit der Zeit. Hier nach nebenan.

Ich wünsche Ihnen Gutes.

Ich Ihnen auch. Ich wünsche Ihnen viel Gutes.

 

Sie sagt, es ist das Geld. Ich denke, es ist die Erinnerung. Aus der Erde, in die sie pflanzte vor der Wohnung, endlich in Tübingen angekommen mit ihrem geliebten Mann. Vor 20 Jahren setzte sie die erste Blume und seitdem Jahr für Jahr.

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Wennfeld_Garten 2016

 

 

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Licht, blau, Blume, grün.

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Wennfeld_Wand

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Armut ist kein Fluchtgrund

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Wennfeld_Rosenabriss

Ich habe M. nie gefragt, ob der Spiegel ihr gefällt in der Wohnung, die ihr zugewiesen wurde. Er war gut für mein Selbstporträt.

Armut ist kein Fluchtgrund. Albanien ist ein sicheres Herkunftsland. So ist das Gesetz.

Es ist nicht mein Gesetz.

M. wird nicht zurück kommen. Nach einem Jahr Deutschland.

Strumpfhose

   

 

 

 

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Es riecht

Wennfeld_Rose-ich

Wennfeld_Rose-ich, März 2017

Ich rieche den Abriss.

Die Häuser standen lange schon kahl, dunkel, leer, die Fenster matter pro Woche. Die Feuchtigkeit floß langsam wie trockene Ströme an den Fassaden hinab. Das Mauergerippe drang von innen an die Außenwände – an exakter dunkler Linienführung zu erkennen. Die Heizungen waren ausgeschaltet. Daher kam es.

Doch der Geruch blieb drinnen. Der Geruch und die Kälte des Winters, die es schwer machen, fast unaushaltbar, durch die Räume zu gehen, aus den Fenstern zu gucken, zu sichten, zu fotografieren. Jetzt ist er draußen.

Die Steine werden von Hand aus langen Schläuchen bespritzt gegen den Staub. Fenster und Türen herausgehämmert, Metall von Styropor getrennt. Daher wird er wohl kommen, der Geruch, den es nur beim Abriss gibt: eine Mischung aus kaltem Stein, Staub, Tapetenkleister, vermodertem Papier, Lynoleum, Holz, gebrochenem Glas, feuchtem Textil. Alltagsleben erkaltet.

Ich bin neugierig, wie es aussehen wird, wenn alle Häuser platt sind. Schotter auf der Erde, die Keller gefüllt. Für eine kurze Weile Brachland. Ein neuer freier Blick. Einzelne Baumgruppen, zum Schutz umzäunt.

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Wennfeld_Rose-ich, Juni 2016

 

 

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