Der am Längsten hier wohnte

Der Mann, der am Längsten hier wohnte, ist ausgezogen.

Dutzendweise schwere Kartons haben die Männer der Umzugsfirma aus dem Dachgeschoss nach unten getragen – vollgepackt mit alten Musik-Schallplatten. (Was ein Schallplatten-Spieler ist, habe ich meinen Kindern neulich gezeigt – unten im Atelier. Jetzt möchten sie immer wieder Musik von der Schallplatte hören.)

Eisenhut42_2hochrechts

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Der Mann, der am Längsten hier wohnte, ist nicht so alt. Aber er hat als Kind schon hier gewohnt. Es gibt ein Foto von ihm mit den Bäumen vor’m Fenster. Da ist er acht und die Bäume sind so groß wie er. Das muss er mal wieder ‚raussuchen, sagt er.

Er hatte viel Spaß hier. Mit den Mädchen von den französischen Offizieren. Dabei war das nicht gerne gesehen. Sogar nicht erlaubt. Wenn der französische Vater gewusst hätte, dass seine Tochter mit einem Deutschen umgeht, das wäre nicht gegangen.

Er mag die Soldaten. Er ist selber Berufs-Soldat geworden. Dafür muss man sich entscheiden, sagt er.

Als seine Mutter gestorben ist, ist er wieder zurück gezogen in die alte Wohnung. Er hat Alles so gelassen wie es war. Irgendwann wusste er, dass die Häuser abgerissen werden, was soll er da renovieren. Es hat ihm nicht mehr so gefallen hier in der letzten Zeit.

Er freut sich. In der neuen Wohnung hat er einen Balkon.

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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