300 Euro kalt

Panzerstrasse_Hasel

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300 Euro Miete kostet ein Zimmer im Französischen Viertel, 14 Quadratmeter, kalt, Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsbad. Stand neulich in der Zeitung. Der Schreiber fand den Preis, nach Tübinger Verhältnissen, moderat.

Die mazedonische Familie hat ihren Asylantrag zurück gezogen, da ohne Perspektive auf Erfolg. Und weil ihnen angekündigt wurde, dass sie nicht mehr in dem Haus wohnen werden können, in dem sie in Mazedonien gelebt hatten. Wenn sie nicht bald zurück kommen. Ihnen fehlen 1500€, damit sie das Haus kaufen können. In Tübingen fünf Monatsmieten, kalt, für ein Zimmer, in Mazedonien ein Haus für’s Leben.

Für die mazedonische Familie ein Vermögen, das sie nicht hat. Für Menschen hier der Preis für einen (Kurz-)Urlaub. Für wegfahren können und das Leben genießen. (Mazedonien ist ein schönes Land.) Sich entspannen ohne Grenzkontrollen, Schlepper, Gefahr für Leib und Leben. Die Perspektive wechseln. Sich frei überlegen können, wie wäre es wenn… ich in diesem Land wohnen würde, in dem der Urlaub mir so gefällt. Natürlich können sich auch hier längst nicht Alle 300 Euro Miete für ein Zimmer oder so einen Urlaub leisten. Natürlich brauchen wir alle Urlaub. Und natürlich hinkt der Vergleich.

Die Verhältnisse hinken auch. Gewaltig (im buchstäblichsten Sinne des Wortes). Ungleichheit ist Gewalt. Damit diese Ungleichheit bestehen bleibt, zu unserem (?) – zum pass-deutschen (!) – Wohl, ist die Grenze von Griechenland zu Mazedonien dicht. Wer das Geld hat, hat die Macht.

Ich frage mich, was das auslöst in dem 6jährigen Jungen, der jetzt mit zurück gehen muss. Und nicht morgen wiederkommen kann. Vielleicht mag er Tübingen, vielleicht freut er sich, zurück zu kehren. Sicher aber ist: er hat mit seinen Augen gesehen, mit seinen Ohren gehört, dass seine Eltern und er NICHT zu denen gehören, die die Macht haben, selbstständig frei zu entscheiden und danach handeln zu können. Was aber, wenn er irgendwann – auch – diese Macht haben möchte? Er und die vielen anderen, die wir ausschließen?

Frieden schaffen, Frieden langfristig erhalten geht nur ohne Ausgrenzung, Gewalt und Waffen. Wenn „wir“ auf dem pass-deutschen, auf dem geldmächtig europäischen „wir“ bestehen, wie lange hält der europäische Frieden?

 

Die Äste auf dem Foto im letzten Eintrag übrigens, sind vom Walnussbaum des Kindergartens Galgenberg. Die Kinder liebten den Baum und freuten sich über die Nüsse. Letztes Jahr war er von einer Mutter homöopatisch behandelt worden. Es ging ihm augenscheinlich gut. Jetzt grüßen die Äste und die Kinder sind traurig.

 

 

 

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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