Wohn-Gespräche

Der alte Nachbar unten auf der Wiese zum alten Nachbar oben im Fenster: „Wir gehen in die Breslauer Straße. Das ist fast da hinten bei der Bank.“ (Die Ende des Monats schließt.) Er zuckt mit den Schultern. „Aber Sie müssen auch weg.“

Ja. Der Nachbar im Fenster ist der letzte Alteinwohner im Haus. Zusammen mit seiner Frau. (Sie singt im russischen Chor, aber jetzt braucht sie eine Pause bis nach dem Umzug.)

Der alte Nachbar auf der Wiese dreht sich zum jungen Nachbarn auf der Wiese.

„Wohnen Sie hier?“

„Ich wohne da.“

„Seit wann? … time?“

„Seit acht Monaten.“

„Aber warum habe ich Sie dann nicht gesehen?“ (Er zeigt mit den Fingern auf seine Augen.)

„Ich muss studieren.“ (Vor acht Monaten ist er aus Nigeria gekommen, jeden Werktag besucht er den Deutsch-Unterricht.)

„Und Sie? Wohnen auch hier?“

„Ich wohne da. Aber nicht mehr lang. Ich muss weg.“

„Wann wohnen Sie?“

„Neunzehnhundert, warten Sie, neunzig bin ich gekommen. Und was haben wir jetzt? Sechzehn. Seit sechsundzwanzig Jahren wohne ich hier.“ (Mit dem Finger der einen Hand malt er die Zahl 26 auf die Handfläche der anderen Hand.)

Freundlicher Händedruck und Klopfen auf die Schultern. Die Nachbarn wenden sich zum Gehen. „Tschüß.“ Der Junge geht groß, dünn, kräftig, mit federndem Schritt und hängenden Schultern. Der Alte gebeugt, kräftig, mit mühsamem Gang und fröhlichem Blick.

„Man muss lernen,“ sagt der alte Nachbar zu mir, die ich aus dem Fenster schaue. „Sonst stirbt er dumm.“

Der Erdbeermann ist wieder da.

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Wennfeld-Erdbeeren

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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