Die längste Zeit

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Wennfeld-Vögel

Am Himmel grummelt’s. Gelbe Wolken. Lilablau.

Der weiße Plastikstuhl ist den ganzen Tag auf der Wiese immer wieder ein Stück gewandert. Schattensuche. Die Fenster der Wohnungen stehen offen. Hitze. Endlich.

Ramadan. Zur längsten Tageszeit des Jahres. Von halb vier bis halb zehn nicht essen, nicht trinken. Mir läuft der Schweiß bei der kleinsten Bewegung und sei sie nur gedacht.

„Sie sind abgeschoben?“ fragt die Nachbarin. „Wo gehen sie denn dort hin?“ Sie wohnen bei den Eltern des Mannes. Zu elft in drei Zimmern. „Wie wir früher.“ Was bei uns Früher war, ist bei anderen Jetzt. „Mama, warum gehen wir nicht in unser Haus in Deutschland?“ fragt der Junge in Albanien, jetzt. Der Hausmeister in Deutschland verteilt Kinderbett, Decken und das Sofa an Menschen, die noch bleiben können. „Besser als die Müllkippe. Aber das mit dem Müll hier, das hat sich total verselbstständigt. Soviele Flüchtlinge gibt’s hier garnicht, wie sich hier Müll ansammelt – da denkt jeder, ich leg‘ noch was dazu.“ Er ist jetzt nur noch für 150 (oder waren’s 180?) Haushalte zuständig, statt für 300. Das Landratsamt hat aufgestockt. Da kann er sich kümmern. (Das tat er vorher schon …)

Das Problem sind die Anschlußunterbringungen. Die Stadt kommt nicht hinterher. Und da wo gebaut werden soll, regt sich Protest. Auch im Französischen Viertel, internationaler Preisträger im Zusammenleben.

„Ich bin froh, wenn sie unsere Sachen haben,“ schreibt die Freundin aus Albanien.

Der Himmel glüht. Wind weht Blätter von Pappeln und Birken. Es blitzt.

20.30 Uhr. Gleich ist Essenszeit. Die Fußball-EM macht heute Pause.

Regenblätterrauschen. Fledermäuse.

 

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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