Veränderungen

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Schindhau_Pilze

Blätter fallen von den Bäumen.

Vor dem Sommer, letztes Jahr 2015, bezogen neue Geflüchtete die alten Häuser der schon vor langer Zeit Geflüchteten, Umgesiedelten, Umgezogenen, Eingewanderten. Ein Nebeneinander Miteinander entstand. Menschen liefen sich aus dem Weg, in den Weg. Hilfsbereitschaft. Der Nachbar aus Serbien, dessen Frau kaum Deutsch spricht, übersetzte Briefe auf dem Gehweg. Der alte Mann aus dem Kosovo fand neue Freunde, eine neue Lebensbestimmung. Er fährt Familien hin und her zu Ämtern, Ärztinnen, Anwälten. Nicht nur er saß stundenlang, tagelang auf den Bänken bei der Panzerhalle, ins Gespräch vertieft.

Kinder gingen in die Schule, in den Kindergarten, lernten Deutsch, fanden Freundschaften. Ihre Eltern auch – teilweise. Jeder, jede ist unterschiedlich, wie sie umgeht mit Veränderungen, Anforderungen, Ungewissheiten, dem Warten, der gezwungenen Passivität.

Auf der Wiese zwischen den Häusern wanderten Stühle, Tische, Holzkohlegrills verschiedenster Größen in gemeinsamer Benutzung. Rauchschwaden, der Geruch von gegrilltem Fleisch. Tee. Das war der zweite Sommer.

Bauarbeiter zogen ein in die Wohnung, aus der die albanische Familie gezwungen gegangen war. Das Stofftier mit Saugnäpfen klebt noch innen am Fenster, ich kann es von außen sehen. Der Vorhang mit den rosa Punkten. Auch die Bauarbeiter kamen nicht nur aus einem Ort, so wenig wie viele Andere, die sich hier niederließen – langfristig zufrieden oder kurz – auf dem Sprung in ein anderes, besseres, eigenes Zuhause.

Die Geflüchteten aus Syrien wurden schnell anerkannt. Die Familien aus Albanien, Mazedonien mussten, müssen zurück in den kalten Winter ohne Perspektive. Die Männer, Frauen und Familien aus Nigeria, Gambia hängen in der Ungewissheit. Und die aus dem Irak, aus Afghanistan?

Jetzt sind wir zwei Sommer, einen Winter, einen Frühling weiter, im zweiten Herbst. Ich habe mein Atelier verlassen – wieder mal. Das Fotoprojekt mit alten und neuen Nachbarn und Nachbarinnen fand seinen Abschluss. Ich konnte weiterziehen. Neue Blicke aus neuen Fenstern, neue Perspektiven. Die alten Häuser werden abgerissen. Im Februar heißt es.

Den Nachbarn, der Briefe übersetzte auf dem Gehweg, sehe ich nicht mehr. Er ist mit seiner Frau in einen der Neubauten umgezogen. Nebenan. Es gibt dort eine Tiefgarage und einen Hausservice, der die Kehrwoche erledigt. Keine Gespräche vor der Haustür. Die alten Alt-Nachbarn aus den alten Häusern sitzen seit Monaten auf gepackten Kisten. Der letzte Neubau in diesem Bauabschnitt wurde nicht zum Auszugstermin fertig.

Auch die Geflüchteten müssen gehen. Diese Woche, nächste Woche. Die Abrisswohnungen waren wie ein Los im Lotto. Keine Turnhalle, keine Massenunterkunft, eigene Hygiene, Familien in „eigenen“ vier Wänden. So wie es sein sollte. So wie Miteinander bereichernd für Viele gelingen kann. Auch für mich und den alten Mann aus dem Kosovo. Es wäre schön, wenn sie alle bleiben könnten. Hier.

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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