Neuer Blick

wennfeld_ausblickateliergo%cc%88rlitzerweg14-web

Ausblick Atelier Görlitzerweg 14

Winterkälte, Nebel.

Im Wald haben die Spinnfäden Kristalle gebildet. So fein, dass sie sich auflösen im ersten Sonnenstrahl – ohne Diamantengefunkel. (Ich wusste garnicht, dass es so viele Spinnen gibt Anfang Dezember.) Der Atem lässt das Haar gefrieren.

Pünktlich am Donnerstag, den 1. Dezember, wurden die letzten zwei Wohnungen in den Abriss-Häusern geräumt. Vor dem einen stand der übliche gelbblaue Umzugs-Laster mit Aufzugkrahn. Das Geräusch ein Surren beim Rauffahren, ein Klacker beim Beladen, ein Surren bei Runterfahren, ein Klacker bein Entladen, ein Surren… Der Laster fährt um die Ecke zum letzten neuen Haus des Bauabschnittes, Ausladen geht schnell. Weihnachten in der neuen Wohnung. Nach und nach die Kisten leeren. Die orange-weiße Gardine hängt noch in der alten Wohnung.

Aus dem anderen Haus trägt die Nachbarin weinend Altpapier-Kartons. Vier Wohnungen hat sie angeschaut, angeboten durch die GSW, zufrieden war sie nicht. Eine weitere GSW-Wohnung hat sie über eine Freundin versucht zu organisieren, die hätte sie gerne gehabt, sie ging an jemand anderen. In den neuen Häusern, was soll sie da, da passt der Stuhl nicht nebens Bett im Schlafzimmer, die Küche ist im Wohnzimmer… Die GSW sage, sie will zu viel. Kann man sie so behandeln? Siebzehn Jahre hat sie dort gewohnt, andere wohnten kürzer und bekamen was. Jetzt geht sie zu ihrer Schwester und hofft. Die Schwester hat Familie, lange geht das nicht. Ihre alte Wohnung hat sie geputzt, auch wenn keine Nachmietenden mehr kommen, sondern nur Abriss. Sie will keinen Ärger.

Zufrieden sind wir nicht, sagt die Frau vom alten Ehepaar, die heute umziehen. Es sind nur zwei Zimmer, zu zweit. Aber muss. Es ist einen gute Gegend hier und die Tochter wohnt um die Ecke. Die Tochter braucht sie mit den Kindern, sie arbeitet Schicht. Sie kann einfach aus dem Fenster rufen, komm.

Alles sieht schöner aus in der Sonne. Die leeren Häuser sind leer. Jemand hat vergessen, das Fenster zu schließen.

 

 

 

Advertisements

Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
Dieser Beitrag wurde unter tagebuch abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.