Wennfeld Garten

Wennfeld_Garten

Wennfeld_Garten 2017

Sie haben’s schön hier.

Ja. Müss’mer Alles noch umgraben und in den Garten.

Sie wollen das ja nicht hierlassen.

Nein! So viel Geld reingesteckt! … Was haben Sie dort gepflanzt?

Zinien.

Wie blühen die?

Hm … wie Margeriten, nur bunt. Orange, gelb, lila… Hoffen wir mal, dass sie was werden.

Wieso soll’ns nichts werden.

Haben Sie schon eine Wohnung?

Ja, am 15. krieg’mer den Mietvertrag.

Haben Sie lange hier gewohnt?

20 Jahre. Wo alle ausgezogen sind, das war so schlimm. Ganz allein im Haus. Da hab ich mich gefühlt, als hätt’mer mich ausgekleidet, ganz nackertig. So viele Leute haben hier gewohnt. Alle ham’s ein anders Leben gehabt. Die waren alt, die waren jung, die waren Studenten, die haben sich nicht vertragen mit ihren Eltern und mussten allein leben…

Meine Tochter hat unten gewohnt. Wir wollten immer nach Tübingen. Aber erst konnten wir nicht. Da haben sie uns nach Chemnitz gebracht. Kennen sie Chemnitz? Endlich waren wir in Tübingen, wir haben zwei Jahren hier gewohnt und dann war der Mann gestorben. Drei Herzinfarkte und dann hat’s ihn geholt. Ich war ganz alleine, fremdes Land, fremde Gesetze und ich hab geweint zu meinen Kindern. Die drei Mädchen sind jetzt hier, die zwei Söhne sind noch dort. Sie sind Lokomotivfahrer, da haben sie dort gutes Geld. Und die Frauen wollten nicht kommen. Jetzt kommt immer in einem Jahr der eine und im anderen Jahr der andere.

Hier ist viel besser leben als in Kasachstan. Sie haben ja dann den Deutschen erlaubt, nach Deutschland zu kommen. Da waren alle Deutschländer weg aus Kasachstan, da ist’s dort ein bißchen zusammengebrochen. Die Deutschländer hatten so schöne Häuser dort. Später sind wir einmal zurückgekommen. Ich habe gesehen – mein schönes Haus! Es war ganz kaputt! Ich habe geweint wie ein Kind! Wir alle hatten verkauft die schönen Häuser für billiges Geld. Dass es nicht geschenkt ist. Weil wir weg wollten.

Mein Mann wollte immer hierher. Er war krank und hat gekriegt die Medizin von den Deutschländern. Da hat er gesagt, ich gehe nach Deutschland.

Ich habe meinen Mann geliebt. O, so sehr! 59 ist er geworden. Jetzt lebt er zwanzig Jahre nicht mehr und meine Töchter sagen, Mama, du liebst Papa noch immer! Ich liebe ihn noch immer, wenn wir Fotos anschauen….

Wann ziehen Sie um?

Mal sehn. Den Mietvertrag kriege ich am 15. Alle Töchter arbeiten ja, da müssen wir gucken, wie das geht mit der Zeit. Hier nach nebenan.

Ich wünsche Ihnen Gutes.

Ich Ihnen auch. Ich wünsche Ihnen viel Gutes.

 

Sie sagt, es ist das Geld. Ich denke, es ist die Erinnerung. Aus der Erde, in die sie pflanzte vor der Wohnung, endlich in Tübingen angekommen mit ihrem geliebten Mann. Vor 20 Jahren setzte sie die erste Blume und seitdem Jahr für Jahr.

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Wennfeld_Garten 2016

 

 

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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