Wände wie aus Papier

Wennfeld_Fahrrad

Wennfeld_Fahrrad

Die Nachbarin schleppt sich den Berg hoch durch die Hitze mit Rollator. Der Nachbar lädt sein Auto voll mit Sprudelkisten. „Guten Mittag Frau Nachbarin“ „Haben Sie was Größer’s vor?“ „Das hat sich angesammelt, immer hab ich’s aufgeschoben, jetzt muß ich halt.“

Herr B. ist nicht mehr da. Die Blumenkästen an seinem Fenster vertrocknen. Irgendwo auf dem Bürgersteig wächst ein Salatkopf. Früher hat Herr B. Tomaten auf Brachland gesät. Ich höre Motorroller und vermisse ihn.

Die Wände in den alten Häusern sind wie aus Papier. Plötzlich ist es still hier. Kein Telefon läutet, keine Türklingel schellt in der Wohnung nebenan. Die Beiden sind ausgezogen. 85 Jahre alt ist er, 83 Jahre sie. Das Hören brauchte Unterstützung. Zwanzig Jahre haben sie hier gewohnt. Zum Feierabendbier sind sie nach Kusterdingen gefahren, erzählte er. Da gab es eine griechische Kneipe, die war nicht teuer. Ein Bier, haben sie dem Chef gesagt, das kannst du von uns erwarten. Essen müssen wir zuhause. Bevor sie die Wohnung verließen, wollte er mir Vieles schenken. Kannst du es brauchen, wir können es nicht mitnehmen. Wir gehen zurück für immer. Wenn das geht – mit der Gesundheitsversorgung dort. Die Tochter ist hier. Meine Tomaten hat er besorgt beäugt. Haben sie genügend Sonne? Bekommen Sie Vitamine? In Griechenland wachsen die Tomaten soooo groß. Da gibt es genügend Sonne. Bohnen wachsen überall. Eine Zwiebel hat er dazu gepflanzt. Nach drei Wochen war er zufrieden mit den Tomaten.

Er saß immer auf dem Fahrrad und hat es repariert bis zum Schluß.

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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