Die Sache mit der Bundestagswahl

Wennfeld_Schachteln

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Meine Nachbarin wohnt hier schon lange.

Meine Nachbarin ist zur Wahl gegangen. Sie hatte keinen Wahlberechtigungsschein zugeschickt bekommen. Auch keine Einladung zur Briefwahl. Also hat sie sich am Wahlsonntag, 24. September 2017, auf den Weg gemacht zu den Stadtwerken. Da ist ihr Wahllokal – seit Jahren. Meine Nachbarin kann nicht gut laufen. Im vergangenen Jahr hat sie sich so krank gefühlt, dass sie nicht zum Arzt gegangen ist. Aber sie ist wählen gegangen. Wollte sie.

Im Wahllokal haben sie ihre Adresse nicht gefunden. Görlitzer Weg.

„Aber ich wohne dort in diesem Haus“, hat sie gesagt.  „Ich wohne dort die ganze Zeit.“

Die Wahlhelfenden haben in die Listen geguckt. Dann haben sie einen Stadtplan zuhilfe genommen. Wahrscheinlich hat jedes Wahllokal so einen Stadtplan. Damit die Wahlhelfenden den Wahlwilligen sagen können, wo sie hin müssen, falls sie mal im falschen Wahllokal landen.

Die Wahlhelfenden konnten meiner wahlwilligen Nachbarin nicht sagen, wo sie hin muss. Das Haus, in dem sie seit Jahren und immer noch wohnt, gab es auf dem Stadtplan nicht. Auf dem Stadtplan ist es wohl schon abgerissen. Also gibt es auch ihre Adresse nicht – auf keiner der Listen.

„Jetzt weiß ich, warum Angela Merkel so wenige Stimmen hat,“ sagt meine Nachbarin.

Meine Nachbarin konnte am Wahlsonntag nicht wählen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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