Drei weiße Birken

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Die Bäume sind gefällt. Mal wieder, vor dem nächsten Abriss.

Der Apfelbaum hat dieses Jahr nicht viel getragen. Das lag am großen Frost im Frühjahr.

Die Polizei kam. Gerufen von einer Nachbarin, die sich um die Bäume sorgte. Eine Baumfällgenehmigung lag vor. Es hätten sich mal Menschen an eine Tanne gekettet, erzählt ein Nachbar. Gefällt wurde sie trotzdem. Es werden neue gepflanzt, was regen die sich auf.

Ob sie auch Apfelbäume pflanzen? Apfelmus-Selbstversorgung als Beitrag gegen die Armut. Die grauen Steinplatten zwischen den neuen Häusern sehen nicht nach Äpfeln aus. Leider. Die Nachbarin hat sich gefreut, als ich die Äpfel aufgelesen habe. „Das sind gute Äpfel“, hat sie gesagt und mir eine gespülte Plastiktüte rausgebracht. Damit ich nicht in meine Jacke sammeln muss. Das Apfelmus war rosa und süß.

Gegründet wurde die Wohnungsbaugesellschaft GSW im Jahr 1949 nach dem                     2. Weltkrieg vom späteren VdK, damals „Verband der Kriegsgeschädigten“. Die GSW baute einen großen Teil der Siedlungshäuser im Wennfelder Garten. Davor wuchsen hier die Obstbäume der städtischen Gärtnerei. Die neuen Bewohnenden bekamen die Wohnungen meist zugewiesen. Über oft viele Umwege von Migration und Flucht „aus dem Osten“ waren sie in Tübingen gelandet. In Armut leben, mit wenig Geld auskommen, war Alltag für die Gründer der GSW und für die Menschen, die in den Häusern lebten. Schauen, woher das Essen auf den Teller kommt. Daher vielleicht die Apfelbäume. Wenn früher im Wennfelder Garten Bäume gefällt wurden, kam nicht die Polizei, es kamen die Nachbarn und wollten das Holz.

Dunkle schwere Tannen und helle feine Birken – immer in Gruppen zu dritt, zu viert, bilden kleine Bauminseln. In den 1950ger/60ger Jahren waren Baumgruppen modern. Auch meine Großeltern im fernen Osnabrück hatten eine im Garten. Als Kind stellte ich mich in die Mitte und war plötzlich an einem anderen Ort. Still, dämmrig, der Himmel nicht sichtbar, der Boden weich von braunen Tannennadeln, umgeben von der Kraft der Bäume.

Im Wohngebiet sorgen Birken für Heuschnupfen und Staub. Das war damals nicht bekannt. Als 1961 im Wennfelder Garten gebaut wurde, gab es ein Lied (und einen Film) „Drei weiße Birken“. Das Lied war der Grund für die Birken, so geht das Gerücht, so reden die Nachbarn. Die Alten, die schon sehr lange hier wohnen, sagen wir, seit Anfang an. Es werden weniger, aber es gibt sie noch. Wie wir alle tragen sie die Geschichten ihres Lebens in sich. Ihre Erzählungen, zusammengerafft mit der Weisheit des Alters, begrenzt auf das Wesentliche, spiegeln die Geschichte unserer Gesellschaft.

Gefühl von Zuhause wird geprägt von Flucht, Vertreibung, Krieg, Frieden, Sicherheit. Dem, was (endlich) da ist und dem, was nicht (mehr) da ist. Das Erleben von Armut, die Erfahrung von Fremdsein sind nach einer Generation nicht abgeschlossen. Europaweit, weltweit, gestern und heute.

„Drei weiße Birken
In meiner Heimat steh’n.
Drei weiße Birken,
Die möcht‘ ich wiederseh’n.
1. Denn dort, so weit von hier
In der grünen, grünen Heide,
Da war ich glücklich mit ihr,
Und das vergess‘ ich nie.

2. Ein Abschied muß nicht für immer sein,
Ich träume noch vom Glück.
Es grünen die Birken im Sonnenschein
Und sagen:“Du kommst zurück!“ (…)“

„Sind Sie traurig?“  „Ja, manchmal denke ich an Zuhause.“  „Gefällt es Ihnen hier nicht?“ „Doch, aber es ist hier Alles ganz anders. … Naja, da musste ich eben wieder von Vorne anfangen.“  „Haben Sie jemand zurückgelassen?“  „Ja, …. aber reden wir nicht mehr davon.“  „Es wird schon wieder werden. Irgendwie geht alles weiter.“  „Aber bei Euch ist es auch schön.“

 

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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