Mond

Wennfeld_Vollmond Januar2019

Einige diesige Kälte hing über der Stadt. Die Finsternis hatte sich versteckt. Der Blutmond, überall angekündigt, blieb verborgen. In der darauffolgenden Nacht – klarster Himmel mit fast vollem Mond. Zu hell zum Schlafen, aber ohne Finster und ohne Blut. Ich war trotzdem ‚rausgegangen in den Schnee. Montagmorgen, 5 Uhr. Ein paar Stapfen – Hund und Mensch waren vor mir dagewesen. Letzten Sommer bin ich denselben Weg gegangen. Und länger geblieben. Die Panzerstraße verbindet:

Ein kontinuierlicher Strom Menschen biegt ab, läuft hoch. Dämmerlicht.

Luft und Beton sind warm. Auf der Wiese, auf den Platten der Panzerstraße liegen, sitzen, stehen Leute. Um ihn zu sehen, am Himmel, den kleinen orangenen Mond. Verdeckt (teillweise) durch den großen Schatten der Erde

“Wie geht denn das jetzt, jetzt hab ich drei ISS auf einmal gesehen:”

“Du wolltest doch, dass dein Hund ins Tierheim kommt.”

“Hat jemand mal Feuer? Gibt’s hier echt keine Raucher mehr?”

Ich glaub’s ja nicht, da ist schon wieder die ISS.”

„Die Sonnenfinsternis damals, hast du die schon mitbekommen?“ „Ey, ich bin uralt.“ „Ich hab sie ganz kurz gesehen, dann kamen Wolken.“ „Ich glaube die Wolken waren Teil der Sonnenfinsternis. Es wurde plötzlich ganz kalt. Und dunkel. Es hat gewindet. Die Vögel haben aufgehört zu singen. Die Farben waren weg. Normalerweise gibt es in der Dämmerung noch immer irgendwelche Farben, aber da war einfach alles grau.“

„Was fliegt denn da oben?“ „Ich will’s gar nicht wissen.“

„Ich bin mal gefahren auf’m Highway, du das war irre, da war der Mond, der war riesig und der war genau am Ende der Highway, in der Mitte. Direkt vor mir, ich bin direkt auf diesen riesigen Mond zugefahren. Ich hatte keine Kamera dabei, damals leider, damals gab’s noch keine Smartphones.“ „Dein Gedächtnis hat das fotografiert.“ „Ja, das hat es. Wobei sich Erinnerungen auch verändern im Laufe der Zeit.“

„Jetzt kommen Wolken.“

„Da ist er wieder.“

„Das Flugzeug ist spektakulärer als der Mond.“

„Ich finde der Mond sieht aus wie eine Qualle. Da sind die Tentakel.“ „Oder so’n Männchen, Koboldmännchen.“ „Ich finde der Mond sieht aus wie der Mond.“

„Es gibt ja Leute, die reisen von Sonnenfinsternis zu Sonnenfinsternis.“ „Ob ich dem hinterher reisen würde?“ „Das hier werden wir auch nur einmal im Leben erleben.“

„Der Mond hat seine Tage.“ „Das hätte der sich mal früher überlegen können.“

„Ob die aus dem Flugzeug auch die Mondfinsternis sehen können?“ „Ich glaub, die sind zu hoch.“ „Was ich jedenfalls geil find beim Fliegen, dass du immer Sonne hast. Und wenn unten noch so scheiße Wetter ist, du fliegst durch die Wolken und hast immer Sonne. Da beneide ich die Piloten drum.“

„Was ist denn das jetzt?“

„Wow – das ist die Sonne, die scheint wieder auf den Mond! Das sieht ja abgefahren aus.“

„Oje, Wolken.“

„Es sieht aus wie ein Loch. Als wär da ein Loch ins Unendliche.“ „Man sieht nur noch das helle, wo die Sonne drauf scheint.“ „Es sieht aus wie ein Stern.“ „Jetzt sind überall Wolken. Die verderben uns das.“

Und dann ist er weg. Der kleine, orangene, wunderschöne Mond. Über der Panzerstrasse, über dem Wald. Der Beton der Straße ist warm. Die Luft auch.

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Über smitmans

Künstlerin und Kunstvermittlerin. In meinen Arbeiten untersuche ich, wie Menschen ihr Leben in ihrem gesellschaftlichen Umfeld gestalten. Dazu erforsche ich konkrete Orte, Gebäude, Landschaften. Meine Ausgangspunkte können sein: ein Tapetenriss in einem verlassenen Gebäude, die Hände eines Kellners, die Arbeitsweste einer Geflüchteten. Damit mache ich gesellschaftliche Codes sichtbar. Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.
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