Es geht weiter…

 

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März 2018

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Februar 2018

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Herbst 2017

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Winter 2015

 

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Narzissen vor Schnee

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Narzissen auf Fensterbank vor Schnee(matsch) in der Nacht, Wennfelder Garten 1.

 

 

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Vom Winter, der nicht war

 

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Wenn du morgens aufwachst, spürst du die Stille. Du hörst: draußen ist es weiß. Diesen Winter rauscht es. Es regnet nass und nässer. Graubraun. Bis auf zwei Mal:

Einmal stand ich am Fenster. Zufällig. Plötzliches Schneegestöber in der Nacht. Innerhalb weniger Minuten sind Wege, Bäume, Zäune, Schilder weiß. Ein Krankenwagen mit Blaulicht fährt – die Panzerstraße hoch. Nein, er kommt zurück. Fährt den Berg hoch. Kommt zurück. Kostbar verlorene Zeit.

Er hält direkt vor unserem Haus. Mein Nachbar – zusammengebrochen unter der Verantwortung der Flucht. Er hat den Notarzt gerufen, sie konnten die Hausnummer nicht finden. Er ist wieder aufgestanden. Wer fliehen muss, entwickelt Kräfte. Soll sich eine(r) beklagen, wenn er die Kehrwoche nicht macht. In manchen Situationen bleibt keine Dringlichkeit für ein sauberes Treppenhaus.

Die Wohnungsbaugesellschaft hat eine externe Firma zum Schneeschippen vor’m Haus angestellt. Das kommt auch den Nachbarn und Nachbarinnen zugute, deren (Arbeits-)Leben aus Putzen besteht.

Bei den ersten Schneeflocken verwandelt sich die Panzerstraße in die beste Schlittenbahn weit und breit. Poporutscher, Bobs, Plastiktüten rutschen auch auf dünnem Weiß. Hier treffen sich Alle. Irgendwer umwickelt regelmäßig den Pfosten der Schranke am unteren Ende der Rutschbahn mit Strohballen. Danke.

 

 

 

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Gutes Neues 2018!

WennfelderGarten1_Küche

WennfelderGarten1_Küche

Vom Küchenfenster kann ich, jetzt da die Bäume keine Blätter tragen, die Lichter der Kliniken sehen, hinten auf dem Berg.

Der Bus fährt vorbei. Die riesigen Bäume rauschen. In der Panzerhalle Bälle und Kinderstimmen. Baustellenzaun, bald Baustelle.

Die Kehrwoche im Außenbereich erledigt eine Firma. Im Haus machen die Bewohnenden das selber. Wischen von oben bis unten. Sechs Parteien, zwei Kinder in einer Wohnung, bald vier in zwei, keine Haustiere. Auch keine Ratten und Mäuse.

Nach hinten Panzerstraße, Schäfer, Wald und das rote Haus.

Ein gutes neues Jahr 2018!

 

 

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Drei weiße Birken

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Görlitzer Weg _Schmetterlinge

Die Bäume sind gefällt. Mal wieder, vor dem nächsten Abriss.

Der Apfelbaum hat dieses Jahr nicht viel getragen. Das lag am großen Frost im Frühjahr.

Die Polizei kam. Gerufen von einer Nachbarin, die sich um die Bäume sorgte. Eine Baumfällgenehmigung lag vor. Es hätten sich mal Menschen an eine Tanne gekettet, erzählt ein Nachbar. Gefällt wurde sie trotzdem. Es werden neue gepflanzt, was regen die sich auf.

Ob sie auch Apfelbäume pflanzen? Apfelmus-Selbstversorgung als Beitrag gegen die Armut. Die grauen Steinplatten zwischen den neuen Häusern sehen nicht nach Äpfeln aus. Leider. Die Nachbarin hat sich gefreut, als ich die Äpfel aufgelesen habe. „Das sind gute Äpfel“, hat sie gesagt und mir eine gespülte Plastiktüte rausgebracht. Damit ich nicht in meine Jacke sammeln muss. Das Apfelmus war rosa und süß.

Gegründet wurde die Wohnungsbaugesellschaft GSW im Jahr 1949 nach dem                     2. Weltkrieg vom späteren VdK, damals „Verband der Kriegsgeschädigten“. Die GSW baute einen großen Teil der Siedlungshäuser im Wennfelder Garten. Davor wuchsen hier die Obstbäume der städtischen Gärtnerei. Die neuen Bewohnenden bekamen die Wohnungen meist zugewiesen. Über oft viele Umwege von Migration und Flucht „aus dem Osten“ waren sie in Tübingen gelandet. In Armut leben, mit wenig Geld auskommen, war Alltag für die Gründer der GSW und für die Menschen, die in den Häusern lebten. Schauen, woher das Essen auf den Teller kommt. Daher vielleicht die Apfelbäume. Wenn früher im Wennfelder Garten Bäume gefällt wurden, kam nicht die Polizei, es kamen die Nachbarn und wollten das Holz.

Dunkle schwere Tannen und helle feine Birken – immer in Gruppen zu dritt, zu viert, bilden kleine Bauminseln. In den 1950ger/60ger Jahren waren Baumgruppen modern. Auch meine Großeltern im fernen Osnabrück hatten eine im Garten. Als Kind stellte ich mich in die Mitte und war plötzlich an einem anderen Ort. Still, dämmrig, der Himmel nicht sichtbar, der Boden weich von braunen Tannennadeln, umgeben von der Kraft der Bäume.

Im Wohngebiet sorgen Birken für Heuschnupfen und Staub. Das war damals nicht bekannt. Als 1961 im Wennfelder Garten gebaut wurde, gab es ein Lied (und einen Film) „Drei weiße Birken“. Das Lied war der Grund für die Birken, so geht das Gerücht, so reden die Nachbarn. Die Alten, die schon sehr lange hier wohnen, sagen wir, seit Anfang an. Es werden weniger, aber es gibt sie noch. Wie wir alle tragen sie die Geschichten ihres Lebens in sich. Ihre Erzählungen, zusammengerafft mit der Weisheit des Alters, begrenzt auf das Wesentliche, spiegeln die Geschichte unserer Gesellschaft.

Gefühl von Zuhause wird geprägt von Flucht, Vertreibung, Krieg, Frieden, Sicherheit. Dem, was (endlich) da ist und dem, was nicht (mehr) da ist. Das Erleben von Armut, die Erfahrung von Fremdsein sind nach einer Generation nicht abgeschlossen. Europaweit, weltweit, gestern und heute.

„Drei weiße Birken
In meiner Heimat steh’n.
Drei weiße Birken,
Die möcht‘ ich wiederseh’n.
1. Denn dort, so weit von hier
In der grünen, grünen Heide,
Da war ich glücklich mit ihr,
Und das vergess‘ ich nie.

2. Ein Abschied muß nicht für immer sein,
Ich träume noch vom Glück.
Es grünen die Birken im Sonnenschein
Und sagen:“Du kommst zurück!“ (…)“

„Sind Sie traurig?“  „Ja, manchmal denke ich an Zuhause.“  „Gefällt es Ihnen hier nicht?“ „Doch, aber es ist hier Alles ganz anders. … Naja, da musste ich eben wieder von Vorne anfangen.“  „Haben Sie jemand zurückgelassen?“  „Ja, …. aber reden wir nicht mehr davon.“  „Es wird schon wieder werden. Irgendwie geht alles weiter.“  „Aber bei Euch ist es auch schön.“

 

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Die Sache mit der Bundestagswahl

Wennfeld_Schachteln

Wennfeld_Schachteln

 

Meine Nachbarin wohnt hier schon lange.

Meine Nachbarin ist zur Wahl gegangen. Sie hatte keinen Wahlberechtigungsschein zugeschickt bekommen. Auch keine Einladung zur Briefwahl. Also hat sie sich am Wahlsonntag, 24. September 2017, auf den Weg gemacht zu den Stadtwerken. Da ist ihr Wahllokal – seit Jahren. Meine Nachbarin kann nicht gut laufen. Im vergangenen Jahr hat sie sich so krank gefühlt, dass sie nicht zum Arzt gegangen ist. Aber sie ist wählen gegangen. Wollte sie.

Im Wahllokal haben sie ihre Adresse nicht gefunden. Görlitzer Weg.

„Aber ich wohne dort in diesem Haus“, hat sie gesagt.  „Ich wohne dort die ganze Zeit.“

Die Wahlhelfenden haben in die Listen geguckt. Dann haben sie einen Stadtplan zuhilfe genommen. Wahrscheinlich hat jedes Wahllokal so einen Stadtplan. Damit die Wahlhelfenden den Wahlwilligen sagen können, wo sie hin müssen, falls sie mal im falschen Wahllokal landen.

Die Wahlhelfenden konnten meiner wahlwilligen Nachbarin nicht sagen, wo sie hin muss. Das Haus, in dem sie seit Jahren und immer noch wohnt, gab es auf dem Stadtplan nicht. Auf dem Stadtplan ist es wohl schon abgerissen. Also gibt es auch ihre Adresse nicht – auf keiner der Listen.

„Jetzt weiß ich, warum Angela Merkel so wenige Stimmen hat,“ sagt meine Nachbarin.

Meine Nachbarin konnte am Wahlsonntag nicht wählen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schotter

WennfelderGarten_Straße-2

WennfelderGarten_Straße-2

Vor meinem Fenster wächst ein Rahmen aus gepflanzten Sträuchern, Ahornblättern und rankendem Wildwuchs, der ursprünglich auch nicht geplant war. Mein Blick ist frei auf die Balkone der Nachbarhäuser schräg hinten. Eine hohe Birke ragt über kleiner Wiese neben den Stufen zum nächsten Häuserblock. Ich sehe die Dächer der Autos, Köpfe der Menschen gehen den Weg, auf dem sie parken. Ich höre Schritte, Stimmen und sehe Nichts. Es gibt nur diesen Blätter-Rahmen, alles Andere ist Grün.

Die Nachbarin von nebenan, die ihren Garten mitnahm, wohnt jetzt mit so einem Balkon schräg hinten. Ob ich will oder nicht sehe ich sie mehr als vorher, immer wenn ich aus dem Fenster schaue.

Sie hat Besuch. Ich glaube, sie spielen Karten. Sie sitzen sich gegenüber, hinter den Balkon-Erdbeer-Blumenkästen – von mir aus gesehen. Beide beugen sich abwechselnd leicht vor. Eine gelbe Fliegenklatsche hängt kurz in der Luft.

Nebenan ist niemand mehr. In meinem Haus sind noch zwei Wohnungen belegt. Zwei von fünf. Ich öffne die Haustür und es riecht nach alt und nach leer. Der Geruch kam gleich. Innerhalb einer Woche, nachdem die Nachbarn gegangen sind – für immer zurück. Die Leere scheint aus dem Keller zu kriechen – langsam bis in den 1. Stock. Zu uns, wenn uns sind, die noch bleiben.

Die Bauarbeiter haben die Schotterhaufen der alten Häuser mitgenommen. Jetzt gibt es dort drei Negative von Haus im Brachland. Da riecht es nicht mehr nach alt und leer. Vielleicht ist der Geruch gewandert, von dort zu uns.

Viktor, der Erdbeermann, bringt immer noch Erdbeeren vom Bodensee. Die Felder hier sind längst abgeerntet und geschlossen. Die Zäune weg, die Zeit war kurz. Zu hart war der Frost während der ersten Blüte.

Die Hitze hat nachgelassen. Es weht Dauerwind. Das Grün rauscht nach Meer.

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