Schotter

WennfelderGarten_Straße-2

WennfelderGarten_Straße-2

Vor meinem Fenster wächst ein Rahmen aus gepflanzten Sträuchern, Ahornblättern und rankendem Wildwuchs, der ursprünglich auch nicht geplant war. Mein Blick ist frei auf die Balkone der Nachbarhäuser schräg hinten. Eine hohe Birke ragt über kleiner Wiese neben den Stufen zum nächsten Häuserblock. Ich sehe die Dächer der Autos, Köpfe der Menschen gehen den Weg, auf dem sie parken. Ich höre Schritte, Stimmen und sehe Nichts. Es gibt nur diesen Blätter-Rahmen, alles Andere ist Grün.

Die Nachbarin von nebenan, die ihren Garten mitnahm, wohnt jetzt mit so einem Balkon schräg hinten. Ob ich will oder nicht sehe ich sie mehr als vorher, immer wenn ich aus dem Fenster schaue.

Sie hat Besuch. Ich glaube, sie spielen Karten. Sie sitzen sich gegenüber, hinter den Balkon-Erdbeer-Blumenkästen – von mir aus gesehen. Beide beugen sich abwechselnd leicht vor. Eine gelbe Fliegenklatsche hängt kurz in der Luft.

Nebenan ist niemand mehr. In meinem Haus sind noch zwei Wohnungen belegt. Zwei von fünf. Ich öffne die Haustür und es riecht nach alt und nach leer. Der Geruch kam gleich. Innerhalb einer Woche, nachdem die Nachbarn gegangen sind – für immer zurück. Die Leere scheint aus dem Keller zu kriechen – langsam bis in den 1. Stock. Zu uns, wenn uns sind, die noch bleiben.

Die Bauarbeiter haben die Schotterhaufen der alten Häuser mitgenommen. Jetzt gibt es dort drei Negative von Haus im Brachland. Da riecht es nicht mehr nach alt und leer. Vielleicht ist der Geruch gewandert, von dort zu uns.

Viktor, der Erdbeermann, bringt immer noch Erdbeeren vom Bodensee. Die Felder hier sind längst abgeerntet und geschlossen. Die Zäune weg, die Zeit war kurz. Zu hart war der Frost während der ersten Blüte.

Die Hitze hat nachgelassen. Es weht Dauerwind. Das Grün rauscht nach Meer.

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Wände wie aus Papier

Wennfeld_Fahrrad

Wennfeld_Fahrrad

Die Nachbarin schleppt sich den Berg hoch durch die Hitze mit Rollator. Der Nachbar lädt sein Auto voll mit Sprudelkisten. „Guten Mittag Frau Nachbarin“ „Haben Sie was Größer’s vor?“ „Das hat sich angesammelt, immer hab ich’s aufgeschoben, jetzt muß ich halt.“

Herr B. ist nicht mehr da. Die Blumenkästen an seinem Fenster vertrocknen. Irgendwo auf dem Bürgersteig wächst ein Salatkopf. Früher hat Herr B. Tomaten auf Brachland gesät. Ich höre Motorroller und vermisse ihn.

Die Wände in den alten Häusern sind wie aus Papier. Plötzlich ist es still hier. Kein Telefon läutet, keine Türklingel schellt in der Wohnung nebenan. Die Beiden sind ausgezogen. 85 Jahre alt ist er, 83 Jahre sie. Das Hören brauchte Unterstützung. Zwanzig Jahre haben sie hier gewohnt. Zum Feierabendbier sind sie nach Kusterdingen gefahren, erzählte er. Da gab es eine griechische Kneipe, die war nicht teuer. Ein Bier, haben sie dem Chef gesagt, das kannst du von uns erwarten. Essen müssen wir zuhause. Bevor sie die Wohnung verließen, wollte er mir Vieles schenken. Kannst du es brauchen, wir können es nicht mitnehmen. Wir gehen zurück für immer. Wenn das geht – mit der Gesundheitsversorgung dort. Die Tochter ist hier. Meine Tomaten hat er besorgt beäugt. Haben sie genügend Sonne? Bekommen Sie Vitamine? In Griechenland wachsen die Tomaten soooo groß. Da gibt es genügend Sonne. Bohnen wachsen überall. Eine Zwiebel hat er dazu gepflanzt. Nach drei Wochen war er zufrieden mit den Tomaten.

Er saß immer auf dem Fahrrad und hat es repariert bis zum Schluß.

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Wennfeld Garten

Wennfeld_Garten

Wennfeld_Garten 2017

Sie haben’s schön hier.

Ja. Müss’mer Alles noch umgraben und in den Garten.

Sie wollen das ja nicht hierlassen.

Nein! So viel Geld reingesteckt! … Was haben Sie dort gepflanzt?

Zinien.

Wie blühen die?

Hm … wie Margeriten, nur bunt. Orange, gelb, lila… Hoffen wir mal, dass sie was werden.

Wieso soll’ns nichts werden.

Haben Sie schon eine Wohnung?

Ja, am 15. krieg’mer den Mietvertrag.

Haben Sie lange hier gewohnt?

20 Jahre. Wo alle ausgezogen sind, das war so schlimm. Ganz allein im Haus. Da hab ich mich gefühlt, als hätt’mer mich ausgekleidet, ganz nackertig. So viele Leute haben hier gewohnt. Alle ham’s ein anders Leben gehabt. Die waren alt, die waren jung, die waren Studenten, die haben sich nicht vertragen mit ihren Eltern und mussten allein leben…

Meine Tochter hat unten gewohnt. Wir wollten immer nach Tübingen. Aber erst konnten wir nicht. Da haben sie uns nach Chemnitz gebracht. Kennen sie Chemnitz? Endlich waren wir in Tübingen, wir haben zwei Jahren hier gewohnt und dann war der Mann gestorben. Drei Herzinfarkte und dann hat’s ihn geholt. Ich war ganz alleine, fremdes Land, fremde Gesetze und ich hab geweint zu meinen Kindern. Die drei Mädchen sind jetzt hier, die zwei Söhne sind noch dort. Sie sind Lokomotivfahrer, da haben sie dort gutes Geld. Und die Frauen wollten nicht kommen. Jetzt kommt immer in einem Jahr der eine und im anderen Jahr der andere.

Hier ist viel besser leben als in Kasachstan. Sie haben ja dann den Deutschen erlaubt, nach Deutschland zu kommen. Da waren alle Deutschländer weg aus Kasachstan, da ist’s dort ein bißchen zusammengebrochen. Die Deutschländer hatten so schöne Häuser dort. Später sind wir einmal zurückgekommen. Ich habe gesehen – mein schönes Haus! Es war ganz kaputt! Ich habe geweint wie ein Kind! Wir alle hatten verkauft die schönen Häuser für billiges Geld. Dass es nicht geschenkt ist. Weil wir weg wollten.

Mein Mann wollte immer hierher. Er war krank und hat gekriegt die Medizin von den Deutschländern. Da hat er gesagt, ich gehe nach Deutschland.

Ich habe meinen Mann geliebt. O, so sehr! 59 ist er geworden. Jetzt lebt er zwanzig Jahre nicht mehr und meine Töchter sagen, Mama, du liebst Papa noch immer! Ich liebe ihn noch immer, wenn wir Fotos anschauen….

Wann ziehen Sie um?

Mal sehn. Den Mietvertrag kriege ich am 15. Alle Töchter arbeiten ja, da müssen wir gucken, wie das geht mit der Zeit. Hier nach nebenan.

Ich wünsche Ihnen Gutes.

Ich Ihnen auch. Ich wünsche Ihnen viel Gutes.

 

Sie sagt, es ist das Geld. Ich denke, es ist die Erinnerung. Aus der Erde, in die sie pflanzte vor der Wohnung, endlich in Tübingen angekommen mit ihrem geliebten Mann. Vor 20 Jahren setzte sie die erste Blume und seitdem Jahr für Jahr.

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Wennfeld_Garten 2016

 

 

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Licht, blau, Blume, grün.

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Wennfeld_Wand

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Armut ist kein Fluchtgrund

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Wennfeld_Rosenabriss

Ich habe M. nie gefragt, ob der Spiegel ihr gefällt in der Wohnung, die ihr zugewiesen wurde. Er war gut für mein Selbstporträt.

Armut ist kein Fluchtgrund. Albanien ist ein sicheres Herkunftsland. So ist das Gesetz.

Es ist nicht mein Gesetz.

M. wird nicht zurück kommen. Nach einem Jahr Deutschland.

Strumpfhose

   

 

 

 

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Es riecht

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Wennfeld_Rose-ich, März 2017

Ich rieche den Abriss.

Die Häuser standen lange schon kahl, dunkel, leer, die Fenster matter pro Woche. Die Feuchtigkeit floß langsam wie trockene Ströme an den Fassaden hinab. Das Mauergerippe drang von innen an die Außenwände – an exakter dunkler Linienführung zu erkennen. Die Heizungen waren ausgeschaltet. Daher kam es.

Doch der Geruch blieb drinnen. Der Geruch und die Kälte des Winters, die es schwer machen, fast unaushaltbar, durch die Räume zu gehen, aus den Fenstern zu gucken, zu sichten, zu fotografieren. Jetzt ist er draußen.

Die Steine werden von Hand aus langen Schläuchen bespritzt gegen den Staub. Fenster und Türen herausgehämmert, Metall von Styropor getrennt. Daher wird er wohl kommen, der Geruch, den es nur beim Abriss gibt: eine Mischung aus kaltem Stein, Staub, Tapetenkleister, vermodertem Papier, Lynoleum, Holz, gebrochenem Glas, feuchtem Textil. Alltagsleben erkaltet.

Ich bin neugierig, wie es aussehen wird, wenn alle Häuser platt sind. Schotter auf der Erde, die Keller gefüllt. Für eine kurze Weile Brachland. Ein neuer freier Blick. Einzelne Baumgruppen, zum Schutz umzäunt.

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Wennfeld_Rose-ich, Juni 2016

 

 

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Am Ende des Winters sterben die Leut…

Mein Vater war als Sternzeichen Fische. Er hat überall mal einen Fisch gefunden: als Teller, als Magnet, als Kettenanhänger. Er sammelte Engel und Fische – in bescheidener Zahl. Das zur Erklärung des letzten Bildes. Die Fische habe ich in einem Badezimmer im Wennfelder Garten gefunden.

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Wennfeld_Maisenknödel, mein 5. Atelier hinter dem Busch

Diese Woche ist Herr Binder gestorben. Mein Nachbar aus dem Görlitzer Weg. Er war mal Hausmeister gewesen an einem der Tübinger Gymnasien. Daher kannte ihn eine Kunst-Kollegin, was ich ihm erzählte. So haben wir uns angefreundet. Ich mochte seine rassistischen Sprüche nicht und sah später, dass er die geflüchteten Nachbarkinder freundlich grüßte. Er mochte, dass ich die Dinge in die Hand nahm. Bretter durch die Gegend schleppte, mit Kindern Projekte machte – „Bauen auf Brachland“. Da hat er mir geholfen, die Hütte zusammen zu nageln.

Er war ein Mensch der Hütten. Immer und überall baute er sich seine Nische, auch wollte es die GSW verbieten. Er liebte Pflanzen und Tiere. Vor seinen Fenstern hingen Maisenknödel in Mengen. Auf jeder Fensterbank blühte ein Blümchen. Die wilden Tomaten auf dem Brachland wuchsen aus den von ihm gestreuten Samen. Auch der Salat. Urban Guerilla Gardening ohne Büchertheorie aus Eigenbewegung. Selbstständigkeit war ihm wichtig. Vor meinem inneren Auge habe ich das Bild wie er mit einem Freund seine Kommode durch’s enge Treppenhaus im Görlitzer Weg nach unten hievte. Seine Wohnung wurde abgerissen wie mein damals 4. Wennfelder Atelier (inzwischen bin ich bei Nr.6). „Denen geb ich nichts in die Hand!“ war seine Antwort auf meine Frage, ob denn nicht die von der GSW Umzugshelfer schickten. Und zog tapfer mit dem Leiterwagen sein Hab und Gut in die nächste Wohnung Wennfelder Garten (Straße). (In zwei Jahren hätte er nochmal umziehen müssen – vor der letzten Abrissetappe.) Manchmal konnte er kaum laufen – Rückenschmerzen. Er habe gestern nichtmal aufstehen können, erzählte er dann, wenn ich ihn wieder sah. „Aber heute. Nein, zu einem Arzt gehe ich nicht.“ Schmerztabletten waren das Mittel seiner Wahl. Dem guten Schluck war er nicht abgeneigt.

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Wennfeld_Hütte 2016

Herr Binder hatte einen Hund und einen Motorroller. Die drei gehörten irgendwie zusammen. Der Hund saß im Körbchen auf dem Motorroller. Oder lief mit Herr Binder durch’s Viertel. Das Französische hat er nicht gescheut. Ich sah ihn oft aus meinem Wohnzimmer-Fenster und freute mich. Dass er da noch lief mit Hund.

Jetzt läuft er nicht mehr. Ein Nachbar, ein Freund hat ihn gefunden. Da war er noch nicht lange tot. Meine Schwester hat es mir erzählt. Die kennt den Freund. Ob ihm jemand eine Todes-Anzeige schaltet für die 500 Euro, die das kostet? Sein Freund, der Nachbar hat den Hund. Trotz Geldsorgen, zum Glück.

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Wennfeld_Hütte 2011

https://wennfelderundgarten.wordpress.com/2013/07/19/brachland-gardening/

https://wennfelderundgarten.wordpress.com/2013/12/12/der-nachbar-geht/

https://wennfelderundgarten.wordpress.com/2013/12/17/gorlitzer-raureif/

 

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Görlitzer Fische

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Görlitz_Fische

 

Ich treffe den Nachbarn auf der Straße. „Professor“ hat ihn eine andere Nachbarin mal genannt. Seit Jahren scheint mir, sieht er gleich aus, wie er läuft mit seinem Stock. Doch auch er wird älter. Wir haben festgestellt, dass wir Gemeinsamkeiten haben – zusätzlich zum Nachbarin, Nachbar sein: Zwillinge.

„Wie geht’s?“ fragt er.

„Mein Vater ist gestorben.“ antworte ich.

„Oje, mein Beileid. Sag, was kostet das? Ich frag immer, aber niemand will mir sagen! Alle sagen immer, viel, viiiiiel, aber niemand sagt’s genau!“ Ich nenne den Betrag, den ich auch noch nicht weiß – in der Gesamtsumme. „Es ist sehr viel Geld,“ sage ich, finde ich. „Ach,“ sagt er, “ ich dachte, mehr. Aber weißt du, wenn ich mich unten begraben lassen will,“ er zeigt ins Ungewisse,“dann kostet das ja noch mehr, da muss ich ja erstmal hin.“

Ja, denke ich, da hatten wir es „einfach“. Mittlerweile bin ich ein paar Begräbnisgeschichten weiter. Wie Väter nach „unten“ kommen- woimmerdasist. Von einzelnen Fahrern aus Tiefgaragen gefahren endlose Strecken in den Süden Europas. Erzähl mir, wie du deinen Vater, deine Mutter begraben hast. Lachen erlaubt. Wahrscheinlich gleicht es sich aus. Die Kosten für die Überführung nach „unten“ sparen die Beerdigungskosten im teuren Tübingen.

„Wo liegt er?“ fragt der Nachbar weiter. „Auf dem Galgenberg.“ „Ich kenn viele da oben. Gerade noch – mein Nachbar… Es ist gut dort.“ Das finde ich auch. (Nicht alle wollen scheinbar fort).

 

 

 

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Leerstand X

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GörlitzerWeg_Höhle

In Wahrheit ist es so… ich schreibe jetzt einmal etwas ganz anderes…

Ich mag Leerstand eigentlich nicht. Leerstand von Wohnraum zum Beispiel. Ich fühle mich deprimiert, wenn ich durch die leeren Zimmer gehe. Natürlich ist es schön, wenn ehemals dort Wohnenden ein neues, schönes Zuhause gefunden haben. Wenn dem so ist. Wenn dem so ist. Ich wünsche Allen Zufriedenheit.

Leerstand von Arbeitsorten zum Beispiel. Ich fühle mich deprimiert, wenn ich durch die leeren Hallen gehe. Es ist wunderbar, wenn ein neues, lebendiges Wohnviertel entsteht nach jahrelangem Verfall. Dennoch erzählten die leeren Hallen der Egeria Frottierweberei und die dort ehemals Beschäftigten eben auch, wie sie kämpften und verloren haben: ihre Arbeit, ihre Existenzgrundlage – für Viele auf Nimmerwiedersehen.

Warum passiert für mich zugänglicher Leerstand meistens im Winter? Ich ziehe drei Lagen Kleidung übereinander, um zu fotografieren und zu dokumentieren und friere trotzdem.

Es stinkt. Die Fabrikhallen stinken nach Farbe, Chemikalien, Moder. Die Wohnungen stinken nach kaltem Essen, Schweiß, verbrauchtem Linoleum, Rauch, Schimmel. Urg.

Natürlich: die Wintersonne gibt ein wunderbares Licht.

Es finden sich Spuren von Leben – Kachel-Farben, die ich nicht für möglich gehalten habe, alte Tapeten, Nägel in der Wand. Eine Uhr, ein Schild „Kehrwoche – diese Woche ist die Reihe an Ihnen“, „Trockenraum bitte auch kehren“, Schlüssel. Die Poesie des Alltags, der Einsamkeit, des Verlustes, des Aufbruchs.

Auf dem Dachboden entdecke ich das Lager der Kinder. Mickey-Mouse an der Bretterverschlag-Eingangstüre, Decken, Tapeten, Plastikfolie als Wandverkleidung. Das Vorhängeschloss ist verschlossen ohne Schlüssel. Ich freue mich: sie – wenn es Kinder waren – haben ihr Versteck nicht preis gegeben. Werimmer wiealtimmer woimmer sie jetzt ihr Leben leben.

Die Fantasie wird in mir geweckt: Was können wir nicht alles mit Handtuchaufhangstangen machen, mit Wäschespinnen! Wie viele Möglichkeiten gibt es, Badewannenstöpsel aufzuhängen? Welche Skulpturen können wir aus alten Klappläden basteln! Alle miteinander etwas Neues schaffen. Die Frustrierten, Deprimierten, die Zufriedenen, Engagierten, die Einsamen, Eingebundenen, die Alten, die Jungen, die Langdagewesenen und Neuzugezogenen…. Yes.

Aus dem Vergangenen, Vergehenden schaffen wir gemeinsam etwas Neues – wir machen aus den Häusern unsere Häuser – kurz vor dem letzten Abriss. Und wenn die letzten alten Steine abgetragen, die letzten neuen Hausverkleidungen angebracht sind, wenn der Prozess der Veränderungen im Alltäglichen wieder verborgen ist und die Baumaschinen abgezogen, bleibt, was wirklich zählt: Nachbarschaft.

Also: ich brauche eine Lagerraum: für alte Türen, Wäschespinnen, Klappläden, Tapetenreste, Badewannenstöpsel. Am Besten einen Keller oder eine Garage im Wennfelder Garten / Galgenberg. Am Besten für wenig Geld.

Lasst es mich wissen.

 

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Neuer Blick

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Ausblick Atelier Görlitzerweg 14

Winterkälte, Nebel.

Im Wald haben die Spinnfäden Kristalle gebildet. So fein, dass sie sich auflösen im ersten Sonnenstrahl – ohne Diamantengefunkel. (Ich wusste garnicht, dass es so viele Spinnen gibt Anfang Dezember.) Der Atem lässt das Haar gefrieren.

Pünktlich am Donnerstag, den 1. Dezember, wurden die letzten zwei Wohnungen in den Abriss-Häusern geräumt. Vor dem einen stand der übliche gelbblaue Umzugs-Laster mit Aufzugkrahn. Das Geräusch ein Surren beim Rauffahren, ein Klacker beim Beladen, ein Surren bei Runterfahren, ein Klacker bein Entladen, ein Surren… Der Laster fährt um die Ecke zum letzten neuen Haus des Bauabschnittes, Ausladen geht schnell. Weihnachten in der neuen Wohnung. Nach und nach die Kisten leeren. Die orange-weiße Gardine hängt noch in der alten Wohnung.

Aus dem anderen Haus trägt die Nachbarin weinend Altpapier-Kartons. Vier Wohnungen hat sie angeschaut, angeboten durch die GSW, zufrieden war sie nicht. Eine weitere GSW-Wohnung hat sie über eine Freundin versucht zu organisieren, die hätte sie gerne gehabt, sie ging an jemand anderen. In den neuen Häusern, was soll sie da, da passt der Stuhl nicht nebens Bett im Schlafzimmer, die Küche ist im Wohnzimmer… Die GSW sage, sie will zu viel. Kann man sie so behandeln? Siebzehn Jahre hat sie dort gewohnt, andere wohnten kürzer und bekamen was. Jetzt geht sie zu ihrer Schwester und hofft. Die Schwester hat Familie, lange geht das nicht. Ihre alte Wohnung hat sie geputzt, auch wenn keine Nachmietenden mehr kommen, sondern nur Abriss. Sie will keinen Ärger.

Zufrieden sind wir nicht, sagt die Frau vom alten Ehepaar, die heute umziehen. Es sind nur zwei Zimmer, zu zweit. Aber muss. Es ist einen gute Gegend hier und die Tochter wohnt um die Ecke. Die Tochter braucht sie mit den Kindern, sie arbeitet Schicht. Sie kann einfach aus dem Fenster rufen, komm.

Alles sieht schöner aus in der Sonne. Die leeren Häuser sind leer. Jemand hat vergessen, das Fenster zu schließen.

 

 

 

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